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  • Writer's pictureLong Arnold

LANGFRISTIGE AUFBAU EINES TENNISTALENTS



Zwei Wege


Es gibt im Prinzip zwei Wege, die man von der Kindheit an beschreiten kann. Einmal ist es der bis heute noch von der Mehrzahl der Jugendlichen begangene, alles verblendende Weg des schnellen und frühzeitigen Turniererfolgs. Der bessere Weg ist der des geduldigen, langfristigen und sachkundigen, systematischen Leistungsaufbaus.


Der Weg des schnellen und frühzeitigen Turniererfolgs


Kinder, die diesen Weg gehen, werden von Anfang an fälschlicherweise über den Matcherfolg an das Leistungstennis herangeführt. Erfolgreiche Kinder werden dann automatisch als grosse Talente und zukünftige Stars bezeichnet.


Weil Kinder vor der Pubertät (Ausnahmen ausgenommen) relativ gleich gross, schnell, ausdauernd und kräftig sind und weil sie noch langsam schlagen und auf Grund des noch relativ kleinen Schlagrepertoirs und ihrer kleinen Gestalt taktisch nur einfach spielen können, siegen bei Turnieren regelmässig diejenigen, die wenig unerzwungene Fehler machen. Und das sind eben diejenigen, die schon in diesem Alter über viele Jahre viele Wochenstunden Tennis spielen, viele Trainerstunden genommen haben und viele Turniere absolvieren.


Diese Kinder vermissen schon aus puren Zeitgründen (aber nicht nur dadurch) jegliche Grundausbildung und Grundlagen. Sie sind aber die ‚berühmten‘ Sieger in den Alterskategorien 3 (unter 14 Jahre), 4 (unter 12 Jahre) und 5 (unter 10 Jahre). Deren Leistungskurve steigt am Anfang recht steil an. Leider wird dieser falsche Weg, durch das Turniersystem, das Ranglistensystem und die daraus resultierenden ‚Förderungsmassnahmen‘, sowie durch überehrgeizige Eltern und erfolgshungrige Trainer und Funktionäre unterstützt.


Um das 14. Lebensjahr kommt es bei diesen Kindern in der Regel zur ersten Stagnation. Weil ihnen die eigentliche und notwendige koordinative, konditionelle und vielfältig technische Basis fehlt (schliesslich war durch lauter Tennistraining, Turnierteilnahmen und das Siegenmüssen keine Zeit für deren Entwicklung), fangen sie an, gegen Jugendliche zu verlieren, die wesentlich später und unauffälliger in das Turniergeschehen eingestiegen sind, die allerdings körperlich und technisch wesentlich besser vorbereitet und ausgebildet worden sind.


Diese Stagnationsphase dauert in der Regel ca. zwei Jahre. Danach kommt der zweite Leistungsanstieg (falls sie wegen Erfolglosigkeit oder Verletzungen nicht die Lust verloren haben und ausgestiegen sind) und sie erreichen die individuelle Leistungsgrenze um das 20. Lebensjahr herum.


Da ihr gesamter Organismus für diese hohen Leistungsansprüche jedoch nicht vorbereitet ist, bleiben sie weit unter ihren potenziellen Möglichkeiten und können nicht einmal diese erreichte individuelle Leistungsspitze lange halten. Sie bauen relativ schnell ab und verschwinden bald im Durchschnitt der Namenlosen.


Langfristige Aufbau


Anders verläuft der geduldige und langfristige Weg des systematischen Aufbaus. Bei Kindern bis zum ca. 12. Lebensjahr stehen der koordinative Aufbau, der Aufbau der Schnelligkeit und der Vielseitigkeit der Tennistechnik im Vordergrund. Dadurch können weder die Turnierbeteiligung noch die technische Sicherheit forciert werden. Aus diesen Gründen findet man diese Kinder in der Regel eher unter den Verlierern. Deren Leistungsanstieg bis zum ca. 13./14. Lebensjahr verläuft relativ langsam.


Um das 14. bis 15. Lebensjahr beginnt sich allerdings das Bild dramatisch zu verändern. Weil diese Kinder eine lange und breite Grundausbildung absolviert haben, sind sie kräftig, schnell und tennistechnisch versiert. Auf Grund dieser Tatsachen fangen sie an, die ehemaligen Sieger der jüngeren Altersklassen zu schlagen. Zusätzlich wächst ihre Leistungskurve über eine Periode von ca. zwei bis drei Jahren steil an und dieser Leistungszuwachs stabilisiert sich auch relativ rasch.


Nach dieser Phase steigt deren Leistungskurve weiter an (vorausgesetzt, dass die Trainingsinhalte stimmen) und sie erreichen das individuelle potenzielle Leistungsoptimum, das wesentlich höher liegt als das der ersten Gruppe, um das für einen Tennisspieler ideale Alter von ca. 23/26 Jahren.


Aufgrund der ausgezeichneten körperlichen und technischen Grundlagen können sie dieses hohe Leistungniveau auch über mehrere Jahre halten bzw. sogar noch verbessern. Darüber sind sie kaum verletzungsanfällig, schnell regenerationsfähig und mental stark.


Weshalb entscheiden sich die Mehrheit der Spieler für den Weg des schnellen und frühzeitigen Turniererfolgs?


Beim langfristigen Aufbau steht nicht der Club, nicht das Kader, nicht der Verband, sondern der Spieler, sein Tennis, seine physische und emotionale Entwicklung und seine Vision im Vordergrund. Der Weg des langfristigen Aufbaus ist für viele Jahre ein anonymer Weg. Der Spieler trainiert meistens im Hintergrund. Die Turnierpräsenz ist meistens die Hälfte verglichen mit der Konkurrenz.


Der Trainer, nicht die Eltern, nicht der Verband hat das Sagen in allen sportlichen Belangen. Der Trainer plant einen ganz individuellen Weg für den Spieler. Sie sehen, weshalb die meisten Eltern, Spieler und Trainer den Weg des frühzeitigen Turniererfolgs wählen. Es ist der populäre Weg, man steht im Rampenlicht (wenn auch nur für kurze Zeit) und das Tennissystem mit seinen Strukturen fördert nur die, die schnell und früh erfolgreich sind.


Einen individuellen Weg zu gehen ist viel anspruchsvoller als einfach den anderen zu folgen. Der langfristige Aufbau ist ein individueller Weg.
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